Muss ich weiter sein, als meine Klienten?

Wer eine Ausbildung im Trainer-, Gesundheits- oder Coachingbereich absolviert, trägt oft eine schädliche Vorstellung in sich. Viele glauben nämlich unbewusst, dass sie alle Themen gelöst haben müssen, bevor sie andere begleiten dürfen. Sie haben die Vorstellung, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem sie "bereit" sind. Doch die Realität sieht anders aus …

Viele stehen irgendwann vor folgender Situation: Die Ausbildung ist abgeschlossen. Die ersten Klienten kommen. Die ersten Gespräche finden statt und die ersten Menschen vertrauen sich dir an. Und dann passiert für Viele etwas unerwartetes:

Plötzlich sitzt dir ein Mensch gegenüber, der in gewissen Lebensbereichen weiter ist als du.

  • Vielleicht lebt diese Person eine erfüllte und liebevolle Partnerschaft, während du gerade durch eine Trennung gehst.

  • Vielleicht hat sie ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, während du mit deiner eigenen Selbständigkeit noch ganz am Anfang stehst.

  • Vielleicht ist die Person sportlich und achtet auf ihre Gesundheit, während du selbst Schwierigkeiten hast, diese Dinge konsequent umzusetzen.


In diesem Moment meldet sich oft eine unangenehme innere Stimme: Wer bin ich, um diesen Menschen zu begleiten? Sollte ich nicht weiter sein? Wird mich die Person überhaupt ernst nehmen?

Diese Gedanken kommen nicht, weil ihnen Wissen fehlt oder weil sie ihre Ausbildung nicht ernst genommen haben. Sondern weil sie anfangen, sich zu vergleichen. Sie sehen die Stärken ihres Gegenübers und richten den Blick auf die eigenen Schwächen.

Der grosse Irrtum über gute Begleitung

An der Stelle beginnt der Denkfehler, der erstaunlich weit verbreitet ist. Wir glauben nämlich häufig, dass derjenige, der begleitet, automatisch weiter sein muss. Wir glauben, um zu Helfen, müssen wir stärker sein. Oder dass Führung bedeutet, bereits alles verstanden und gelöst zu haben.

Das ergibt aber keinen Sinn.

Denk diesen Gedanken mal zu Ende: Wenn nur Menschen begleiten dürfen, die bereits alle ihre Themen gelöst haben, dann dürfte niemand Menschen begleiten.

Denn jeder Mensch trägt seine eigenen Lernfelder mit sich. Jeder Mensch hat Themen, an denen er wächst und sich weiterentwickelt.

Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem persönliche Entwicklung “abgeschlossen” ist. Es gibt keinen Berggipfel, auf dem man irgendwann ankommt und sagen kann: “Jetzt habe ich alles verstanden. Jetzt bin ich fertig und kann anderen helfen.”

So funktioniert das Leben nicht. Wir entwickeln uns nicht linear.

Ein Mensch kann in seiner Partnerschaft sehr erfüllt sein und gleichzeitig grosse Schwierigkeiten haben, klare Grenzen zu setzen. Ein anderer verfügt über enormes Selbstvertrauen im Beruf und kämpft dennoch mit innerer Unruhe. Jemand anderes kann finanziell erfolgreich sein und gleichzeitig unter Selbstzweifeln leiden.

Wir alle besitzen Stärken, Schwächen und blinde Flecken. Deshalb ist es völlig normal, dass dir Menschen als Klienten begegnen, die in bestimmten Bereichen weiter sind als du. Die entscheidende Frage lautet aber nicht, ob dein Klient “besser” oder “schlechter” ist als du.

Sondern vielmehr:

  • Kannst du diesem Menschen trotzdem dienen?
  • Kannst du trotzdem den Raum halten?
  • Kannst du seine Stärken sehen, ohne deine eigenen zu vergessen?


Denn genau das ist letztlich die Aufgabe eines guten Begleiters.

Und sei dir bewusst: Deine Klienten suchen in dir nicht nach Perfektion oder nach einem makellosen Vorbild.

Sie suchen jemanden, der präsent ist.
Jemanden, der wirklich zuhört und sie ernst nimmt.
Jemanden, der einen sicheren Raum schafft, die passenden Werkzeuge kennt und sie verantwortungsvoll einsetzen kann.

Die Reife, andere strahlen zu lassen

Vielleicht besteht die eigentliche Reife eines Begleiters nicht darin, alle eigenen Themen gelöst zu haben (das wird sowieso nicht passieren).

Sondern vielmehr darin, andere Menschen strahlen zu lassen, ohne sich selbst kleiner zu fühlen. Denn tatsächlich ist genau das häufig eine grosse Herausforderung. Zu sehen, dass jemand etwas verkörpert, was man sich selbst gerade wünscht. Und trotzdem offen und wertschätzend zu bleiben. Ohne Neid oder Konkurrenzdruck. Ohne den Drang, sich der anderen Person gegenüber beweisen zu müssen. Das ist echte Reife und unterscheidet mittelmässige von sehr guten Begleitern.

Ich schreibe diese Zeilen nicht aus theoretischer Distanz. Sondern aus eigener Erfahrung.

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen als Mentaltrainer. In dieser Zeit durfte ich mit ganz unterschiedlichen Menschen arbeiten. Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Herausforderungen und Lebenswegen.

Viele meiner Klienten sind in einzelnen Bereichen deutlich besser als ich. Das macht mich nicht zu einem schlechteren Begleiter.

Oder denkst du, dass der Trainer von Roger Federer besser Tennis gespielt hat als er selbst? Wohl kaum.

Wahre Begleitung braucht keine Perfektion

Du musst also nicht perfekt sein für deine Klienten. Oder frei von allen eigenen Themen. Aber du solltest bereit sein, ehrlich hinzuschauen, weiterzulernen und regelmässig zu reflektieren. Und vor allem solltest du bereit sein, andere Menschen strahlen zu lassen, ohne dein eigenes Licht infrage zu stellen.

Denn wahre Begleitung entsteht nicht aus Überlegenheit. Sie entsteht aus Präsenz, Demut und dem Mut, auch dann den Raum zu halten, wenn jemand anderes gerade heller leuchtet als du.

Dieses Thema ist auch immer Teil unserer Ausbildungen. Denn wer andere Menschen begleiten möchte, braucht nicht nur Methoden und Fachwissen, sondern auch die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu reflektieren.

Über den Autor

Andreas Fleischlin

Andreas ist Gründer und Geschäftsführer der Akademie für Gesundheit & Wohlbefinden. Als Mentaltrainer unterstützt er seit vielen Jahren Spitzensportler dabei, an wichtigen Wettkämpfen ihre Bestleistungen abzurufen. Gleichzeitig begleitet er Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen nach herausfordernden Krisen wieder in ihre Kraft zu finden und stabil in den Alltag zurückzukehren.

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